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Sonntag 20.05.2018

Eine kleine Geschichte

Der Fa. Gustav Blenk. Es handelt sich um aus dem Gedächtnis zusammengestellte Aufzeichnungen von Gesprächen, die Eberhard Blenk mit seinen Eltern Gustav und Marie Blenk geführt hat. Sie erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und können unwissentlich Fehler enthalten.

Der Firmengründer Gustav Blenk wurde am 9.4.1900 als Sohn des Sparkassendirektors Gustav Blenk und seiner Ehefrau Matthilde, geb. Nold in Bad Hersfeld - damals Hessen-Nassau, heute Hessen - geboren.

Bereits als Schüler knüpfte er erste Beziehungen zu seinem Beruf - wahrscheinlich unwissentlich -, denn er freundete sich mit einem Fabrikantensohn an: Hans Harald Schilde, dem Enkel des Firmengründers Benno Schilde und Sohn von Paul Schilde.
Fa. Schilde wurde als Maschinenfabrik für Webereimaschinen gegründet, jedoch sehr schnell (dem Trend der damals auftetenden Technik entsprechend) in eine Fabrik für Ventilatoren und - nach heutigen Sprachgebrauch - RLT-Anlagen umgestaltet.

Nach Beendigung der Schulzeit auf dem Gymnasium in Bad Hersfeld - zeitweilig war der berühmte Prof. Duden sein Gymnasialdirektor - trat er in die Fa. Schilde als Lehrling ein und machte dort eine kombinierte Ausbildung als Schlosser und Techniker
(zum Lehrzeugnis Gustav Blenk). Diese Ausbildungszeit wurde nur im Sommer 1918 für
8 Wochen Soldatenzeit unterbrochen, dann war der 1. Weltkrieg zu Ende.

Die abschließende Endausbildung fand für 26 Wochen auf einer technischen Hochschule (Name leider unbekannt) in Kassel statt. Im Herbst 1919 wurde er als frisch bestallter Ingenieur - dieser Titel war damals nicht geschützt - bei der Fa. Schilde eingestellt und ein Jahr später zur neu gegründeten Filiale Berlin zugeordnet. Nach all dem, was mir erzählt worden ist, scheint die Zeit von 1920 bis zum Börsenkrach 1929 der Boomzeit nach 1989 zu entsprechen. Neugründungen schossen aus dem Boden, wurden aber genauso schnell durch Firmenpleiten abgelöst. Glücksritter aller Couleur taten entweder als ehrliche Partner oder als Betrüger ihr Bestes.

So auch das Schicksal der Fa. Benno Schilde Berlin: sie schloß bereits 1926 im Frühjahr nach einer deftigen Firmenpleite die Bürotüren, auch verbunden mit den letzten fehlenden Gehältern der Angestellten. Nach weiteren kurzzeitigen Stellungen in verschiedenen Betrieben der Branche, die meist am Konkurs der Firmen scheiterten, mangelte es an Perspektive. Und da hat Gustav Blenk in wirtschaftlich sehr schwerer Zeit beschlossen, auf eigene Rechnung und eigenes Risiko am 14.9.1929 die Fa. Gustav Blenk zu gründen. Zwei Mitarbeiter wurden übernommen, die Kundschaft waren damals Mix und Genest, Osram, Ambi-Butt (eine Autokarosseriefabrik auf dem Gelände des Flugplatzes Johannisthal). Aus alten Kassenbüchern ist zu rekonstruieren, daß die beiden Mitarbeiter ab Firmengründung 1929 ein Herr Smerat und ein Herr Walter waren. Die Jahre 1929 bis 1933 waren sehr schwer, zeitweilig ging es nicht ohne Kreditaufnahme. Mit der sogenannten Machtübernahme 1933 durch die NSDAP des Herrn Hitler veränderte sich schlagartig auch die Wirtschaftssituation. So konnte bereits 1934 ein gebrauchtes Auto (Hanomag) und 1936 bereits ein neuer Hanomag angeschafft werden, und die Mitarbeiterzahl stieg nach meinem Wissen auf vier gewerbliche und einen Büromitarbeiter an.

Im Sommer 1939 (einen Tag nach meinem Geburtstag) wurde Gustav Blenk zu den Fahnen gerufen. Ich habe Ihn noch bei seinem Gang mit Pappkarton zum Bahnhof Schöneweide begleitet. Er wurde der Flak im Raum Berlin zugeteilt und durfte auf einem Acker bei Döberitz Bunker bauen. Nach ständigen Reibereien mit seinem Vorgestzten - der war wahrscheinlich 20 Jahre und Gustav Blenk ca. 40 Jahre alt mit einigen erlebten Erfahrungen - und einer durch LKW-fahren ausgelösten Nierensteinoperation wurde auf ständiges Betreiben durch seine Frau beim Wehrersatzkomando (?) bereits im Nov. 1939 (es kann auch Dez. '39 gewesen sein) die Reklamation für den Heimatdienst verfügt, was ihn dann bis zum Ende 1945 vor dem Soldatsein bewahrte. Dafür wurde 1941 sein Auto eingezogen. Es hat bestimmt sein Dasein in der Weite Russlands ausgehaucht. Einen Aufruf zum "Volkssturm" hat er im April 1945 nicht zur Kenntnis genommen, da er bereits aus der Wohnung das Mündungsfeuer der sowjetischen Artillerie in Adlershof auf der anderen Seite des Flugplatzes Johannisthal gesehen hat, und 24 Stunden später Johannisthal bereits besetzt war (damals hieß es befreit).

Zwischendurch: Gustav Blenk ist in seinem Leben häufig "befreit" worden - 1923 durch die Inflation, 1929 von seinem Ersparten, 1939 vom Frieden, 1945 von seinem Eigentum - er mußte die Wohnung für die sowjetische Besatzungsmacht als Kaserne räumen, 1950 von der Regierung der DDR von seinem seit 1945 erarbeitetem Eigentum Enteignung 1950 - Firma und Wohnung, so daß er immer mit kleinem Gepäck wieder neu beginnen konnte, und immer mit gleichbleibendem Elan neu begonnen hat, immer am Wohl seiner Mitarbeiter und Familie orientiert.

Weiter im April 1945: Gustav Blenk war nie Parteigenosse, somit mußte er nicht auf die Entnazifizierung warten und bekam bereits im Mai 1945 die Arbeitserlaubnis von der sovj. Kommandantura überreicht. Also Neubeginn 1945. Alles war zerstört, die größeren Firmen wurden von den Russen demontiert, keine Arbeit, kein Material, stets Hunger im Bauch. Der, der noch beweglich war, fuhr hamstern über Land und brachte dem Bauern als Gegengabe sein letztes gerettetes Hemd für eine Handvoll Kartoffeln. Ich habe damals meine erste Praxiserfahrung gehabt. Je nachdem, ob wir vor- oder nachmittags Schule hatten (es gab nicht genügend erhaltene Schulräume, im Winter mußten Schüler und Lehrer Brennmaterial persönlich mitbringen) bekam ich eine kleine Koch- hexe, 3m Rohr, 2 Knie (Bogen) und Werkzeug in den Rucksack und durfte mit der Montage nicht eher beginnen, als das 5 Pfund Kartoffeln und ca. 50,- RM auf dem Tisch lagen. Damals habe ich schon gelernt, am Ton zu erkennen, wo ein Schornstein ist, wenn man mit dem Hammer umgekehrt gegen die Wand schlägt. Gustav Blenk machte sich per Bahn oder zu Fuß auf, alte Kunden zu besuchen, um Arbeit zu bekommen. Das einzige was genügend vorhanden war, war die alte Reichsmark, die war während des Krieges reichlich gedruckt worden und wurde ja erst 1948 durch die Währungsreform außer Kraft gesetzt. Somit traf er alte Kunden, die zufrieden waren einen Partner zu bekommen, der beim Wiederaufbau anfassen durfte (siehe Entnazifizierung). Einer der ersten Kunden war die Reichspostdirektion am Funkturm, die genügend Batterieräume und Küchen in ihren Einrichtungen hatte, die repariert bzw. erneuert werden mußten. Die Montagezeiten in den Küchen dauerten immer extrem lange, da mittags ein Teller Kohlrübeneintopf abfiehl (siehe leerer Bauch). Die Folge der frühen Beziehungen war: sofort ein Telefonanschluß (früher als das Rathaus in Johannisthal) und die noch heute oft begehrte Postbank-Kontonummer 34. Als Materialquelle wurden die von der sovj. Armee ausgeschlachteten Betriebe freigegeben, in denen zwar die Maschinen demontiert waren, an den alten Lüftungsanlagen aber keiner Interesse zeigte. Diese durften dann demontiert und anderweitig verwendet werden. Die Größe und Dimensionierung der Anlagen richtete sich nicht nach dem Kundenwunsch oder DIN 1946, sondern danach, was gerade an anderer Stelle demontiert und zusammengeflickt werden konnte. Ich habe persönlich mit einem Mitarbeiter den Luftschutzbunker am Königsheideweg in Johannisthal ausschlachten dürfen, bevor dieser dann 1946 gesprengt wurde.

Ein ehemaliger Mitarbeiter hat die Enteignung 1950 miterlebt und versucht, so viel wie möglich für meine Eltern zu retten, auf jeden Fall hat er später (er blieb bis ca. 1960 bei der VEB Lufttechnische Anlagen angestellt) über alle geschäftlichen Machenschaften des von der DDR eingesetzten "Abwicklers", gut informiert. Ich könnte mir gut vorstellen, daß dieser Herr, falls er noch leben sollte, genauso wie viele andere nach 1989 sein Gedächtnis nicht mehr vollständig zusammentragen würde.

Parallel zur allgemeinen Aufwärtsbewegung der Wirtschaft in der Bundesrepublik nach 1960 erfolgte auch die Entwicklung der Fa. Blenk. Ab 1.1.1958 begann der Generationenwechsel, d.h. nach beendeter Lehre und Studium wurde ich Mitarbeiter der Fa. Gustav Blenk, später dann Prokurist und geschäftsführender Gesellschafter. Und ab 1.1.1975 war ich dann allein verantwortlich, d.h. der Senior trat mit 75 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand.

Und wie es sich für einen richtigen Familienbetrieb gehört, begann dann Andreas Blenk während seiner Schulzeit als Helfer das Taschengeld aufzubessern, machte Abitur, Lehrzeit, Ingenieurstudium und trat als frisch bestallter Diplomingenieur (zwischenzeitlich wurden die Titel der Fachhochschulen und Universitäten angeglichen) im Frühjahr 1986 in die Firma ein (d.h. die dritte Generation!).

1989 wurde dann die Firma in eine GmbH umgewandelt, und seit 1993 arbeitet nun auch Stefan Blenk als "Verlierer der deutschen Einheit" in der kaufmännischen Abteilung der Firma, da sein Physikstudium (abgeschlossen als Dr. rer. nat.) nicht die erhoffte Hochschullaufbahn garantierte - Vater Staat mußte jede "müde Mark" von den Personalmitteln abziehen um die versprochenen Einheitskriterien zu realisieren...

Das sind also im Schnelldurchgang erzählte Erinnerungen, die bestimmt an der einen oder anderen Stelle zu ergänzen wären. Die nächsten 30 Jahre, und ich hoffe, daß der Fortbestand der Firma funktioniert, wird ein anderer hoffentlich schriftlich festhalten.

Und zum Schluß noch schnell dazugefügt: Das 10 jährige Jubiläum fiel aus, da Gustav Blenk im Lazarett auf Staatskosten lag. Das 20 jährige Jubiläum wurde 1949 im zwar geteilten, aber offiziell noch vereinten Berlin (es gab die 4 Sektoren der einzelnen Besatzungsmächte, die Menschen konnten aber überall arbeiten und leben) mit Würstchen und Kartoffelsalat gefeiert. Das 25 jährige Jubiläum wurde dann schon in Westberlin in der Schönburgstraße 6 mit Mitarbeitern und Kunden begangen. Alle diese Feste wurden in kleinem Rahmen innerhalb der Wohnung bzw. des Büros gefeiert. Erst das 50 jährige Jubiläum ist 1979 in größerem Rahmen anläßlich einer Betriebsfahrt nach Prag begangen worden. Die Tradition der Betriebsausflüge haben meine Eltern 1948 mit einer Dampferfahrt auf dem Mü:ggelsee begonnen, mit Familien schon damals, mit auf dem Schwarzmarkt eingekauften Lebensmitteln. Alkohol zum Betäuben der Sorgen gab es schon damals ohne Marken! Der erste Ausflug in Westberlin fand 1954 im Herbst statt, dann der Beginn der "außerberlinischen Ausflüge" mit einer Fahrt in den Harz (1 VW-Bus und 1 Pkw) und dann jährlich immer wieder in kürzeren und weiteren Entfernungen um Berlin herum.

Und wenn über das Wohl und Wehe einer Firma zu berichten ist, dann dürfen auch die Kunden nicht fehlen, sowohl treue langjährige als auch kurzfristige (einmalige) Kunden. Es würde den Rahmen dieser Kurzfassung sprengen, aber gedankt sei allen, denn sie haben zum Bestand der Firma beigetragen. Und genauso sei allen Lieferanten gedankt, die über viele Jahre die Art von Gustav Blenk kennengelernt haben, ein ehrlicher Partner zu sein, und dessen Geschäftsart bis heute fortgesetzt worden ist. Und wenn jetzt in schwerer Zeit trotzdem der Wille zum Erfolg besteht, und manchmal sogar versteckt die Angst ums überleben durchkommt, so sollte doch allen gedankt sein, die durch ihren persönlichen Einsatz helfen, die Misere zu überwinden, immer eingedenk der Tatsache, wie oft Gustav Blenk in seinem Berufsleben eines "auf die Nase" bekommen hat und doch jedesmal ohne Murren wieder angefangen hat.